Ein Leben zwischen Judenburg und Hollywood – Die Geschichte eines Visionärs der Filmtechnik

Otto Constantin Nemenz war nicht nur ein Unternehmer. Er war ein österreichischer Ingenieur und Kameramann, dessen Name in der Filmbranche ähnlich legendär ist wie jene der großen Regisseure und Cinematographer, mit denen er zusammenarbeitete. Sein Leben ist eine Reise von einer kleinen steirischen Stadt in die Zentren der Filmwirtschaft – eine Reise, die die Technologie des Kinos für immer verändern sollte.​

Otto Nemenz ist am 2. November 2025 im Alter von 83 Jahren in Kaanapali, Maui (Hawaii, USA) friedlich in seinem Zuhause gestorben.

Von Judenburg nach Wien und Istanbul

Otto Nemenz wurde 1941 in Judenburg geboren, einer Stadt in der Südoststeiermark, die damals kaum den Ruf besaß, Visionäre hervorzubringen. Seine Kindheit war geprägt von kultureller Vielfalt: Sein Vater war Österreicher, seine Mutter Griechin. Die Hälfte seines Lebens verbrachte der junge Otto in Istanbul, die andere in Wien. Diese multikulturale Prägung – fließend sprach er Türkisch, Deutsch und Englisch – sollte ihm später in Hollywood zugute kommen, wo die Verständigung zwischen Menschen verschiedener Herkunft entscheidend war.​

Bereits als Teenager zeigte sich sein unternehmerischer Geist. Er bot amerikanischen Marinesoldaten der 6. US-Flotte, die in den Hafen von Istanbul einliefen, seine Dienste als Reiseleiter an. Doch sein eigentliches Talent lag in der Präzision. An der HTL Mödling spezialisierte er sich auf Feinwerktechnik und Optik – Fachrichtungen, die seinen zukünftigen Weg in die Filmtechnik prägen würden.​

Die Flucht nach Amerika

Die österreichische Nachkriegsgesellschaft bot einem jungen Mann wie Nemenz allerdings begrenzte Perspektiven. Die Karriere beim Österreichischen Rundfunk schien ihm versperrt – nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern aus parteipolitischen Gründen. 1964 beschloss Nemenz, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Mit seiner ersten Ehefrau verließ er Österreich und emigrierte nach Los Angeles.​

Die Anfänge waren hart. Nemenz träumte davon, bildgestaltender Kameramann – also Cinematographer – zu werden. Doch ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft blieben ihm die Türen der großen Hollywoodstudios verschlossen. Eine Karriere wie jene der etablierten Cinematographer schien unmöglich.​

Das entscheidende Treffen bei Panavision

Dann geschah jenes Treffen, das sein Leben verändern sollte. Anfang der 1960er Jahre erschien Nemenz bei Panavision, einem der renommiertesten Kamerahersteller, um sich um eine Stelle zu bewerben. Man teilte ihm mit, man könne nichts für ihn tun – seine Bewerbung würde „auf Eis gelegt”. Desillusioniert machte er sich auf den Weg zurück zu seinem alten Auto, das auf dem Parkplatz stand.​

Doch dann fuhr Panavision-Gründer und Geschäftsführer Bill Gottschalk in seinem 1962er Cadillac auf den Parkplatz. Nemenz erkannte die Luxuslimousine und traute sich, den Gründer anzusprechen – nicht um eine Stelle zu betteln, sondern um über die technischen Spezifikationen des Wagens zu sprechen. Der Österreicher präsentierte sich als Experte für Präzisionsmechanik. Gottschalk war begeistert und nahm ihn mit ins Gebäude. Ein Jahr später war Nemenz vollständiger Teil des Panavision-Teams, zunächst mit der bescheidenen Aufgabe, Filter zu reinigen und zu organisieren.​

Doch Nemenz war nicht nur gewillt zu lernen – er war eine Sponge für technisches Wissen. Er arbeitete sich vom Kameratechniker hoch. 1966 bekam er die Chance, als optischer Techniker bei der Produktion von Grand Prix, dem Meisterwerk von John Frankenheimer, zu arbeiten. Mit rund 20 Panavision-Kameras und speziellen 65mm-Zooms ausgestattet, war dies die perfekte Universität für einen technischen Autodidakten. Nemenz wrang aus den Kameras alles heraus, was möglich war – und das in einer Weise, die Kameras leiser und präziser machte als je zuvor.​

Von Kameraassistent zum Unternehmer

Nach Grand Prix begann Nemenz, als freischaffender Kameraassistent zu arbeiten. Doch parallel dazu entwickelte er ein paralleles Geschäftsmodell: Er kaufte 16mm Eclair-Kameras, wartete sie mit höchster Sorgfalt und begann, sie zu verleihen. Seine Kameras wurden schnell legendär – sie waren die am besten gewarteten und die leisesten auf dem Markt.​

Das Geschäft startete in seiner Garage. Bald beschwerten sich die Nachbarn über die Aktivität. Es war klar: Otto Nemenz brauchte eine echte Basis für sein Unternehmen.​

Die Gründung von Otto Nemenz International

1979 gründete Nemenz offiziell Otto Nemenz International, Inc.. Sein Traum von bildgestaltender Kameramann-Karriere hatte sich gewandelt zu etwas Größerem: Der Bau eines Imperiums der Filmtechnik. Die Philosophie war einfach, aber radikal: Bleibe einen Schritt vor der Konkurrenz, halte die neueste Technologie vorrätig, und stelle die beste Ausrüstung der besten Filmemacher zur Verfügung.​

Das erste Studio befand sich in Hollywood. 1982 entwarf und baute Nemenz selbst eine Anlage. Was mit wenigen Mitarbeitern begann, wuchs rapide. Anfangs hatte die Firma etwa 8 Mitarbeiter. Doch Nemenz rekrutierte talentierte Ingenieure und Techniker – und viele blieben über Jahrzehnte bei ihm. Alex Wengert beispielsweise war seit 1979 dabei. Marc Gordon arbeitete über 30 Jahre für das Unternehmen. Fritz Heinzle mehr als 20 Jahre.​

Die Technologie dahinter

Nemenz war nicht nur ein Miethaus-Manager. Er war ein Ingenieur mit einer Vision. Bei Panavision hatte er bereits an hochkomplexen Optiksystemen gearbeitet. Er verstand das Zusammenspiel von Optik, Mechanik und der Anforderungen des Kameramanns. Diese Kenntnisse floss er in seine Geschäftstätigkeit ein.​

Seine Firma spezialisierte sich nicht einfach nur auf die Vermietung bestehender Kameras. Nemenz entwickelte spezialisierte Kameras und Vorrichtungen – für Grand-Prix-Rennwagen, für Flugzeuge, für Skirennen, für Schnellboote. 1969 war er am ersten Filmdreh in einer offenen Boeing 747 beteiligt – eine technische Meisterleistung, die neue Standards setzte.​

Mit der Zeit entwickelte Nemenz auch eigene Linsen. Er arbeitete an der Leica Cine Lens-Initiative mit. Der Fokus lag immer auf Qualität, Präzision und Innovation.​

Der „Papst der Kameravermietung”

Bis zur Jahrtausendwende hatte sich Otto Nemenz International zum führenden Kameraverleih der Welt entwickelt. Die Branche gab Nemenz einen ehrenvollen Titel: den „Papst der Kameravermietung” – eine Anerkennung seiner Pionierarbeit und seiner Bedeutung für die Filmbranche.​

Wie präsident war diese Bedeutung? Betrachten Sie die Liste der Produktionen, die von Otto Nemenz International ausgestattet wurden: die High School Musical-Filmreihe, die Fast & Furious-Franchise, The Gray Man für Netflix. Große TV-Serien wie Bones, Hart of Dixie, Big Love, Entourage – alle vertrauten auf Nemenz-Kameras.​

Cineast Robert McLachlan fasste es 2020 zusammen: „Ich nutze Otto Nemenz International seit 2013 ausschließlich für meine Kameraverleih-Anforderungen – zuerst für Ray Donovan bei Showtime, später auch als die Serie zu New York zog. Der Service war so beeindruckend, dass wir auch nach dem Umzug bei ihnen blieben. Trotz fehlender lokaler Niederlassung blieb der Service tadellos.”​

Anerkennung und technischer Oscar

1992 erhielt Nemenz eine der höchsten Anerkennungen der Filmbranche: einen Oscar für technische Dienste. Dies war kein Lifetime Achievement Award für sein Unternehmen – es war eine Würdigung seiner direkten Innovationen in der Kameratechnologie und der Art, wie diese Technologie verfügbar gemacht wurde.​

Ein technischer Oscar ist seltener und bedeutsamer als viele glauben. Er wird an Personen vergeben, die die filmische Industrie durch Erfindungen, Verbesserungen oder Anwendungen signifikant voranbrachten. Otto Nemenz hatte dies getan.

Die Expansion und das digitale Zeitalter

In den 2000er Jahren durchlebte die Filmtechnik eine Revolution. Die digitale Kinematografie ersetzte langsam, aber sicher die Filmrollen. Otto Nemenz International war nicht Opfer dieser Revolution – sondern deren Katalysator.

Das Unternehmen integrierte kontinuierlich neue Technologien: Sony F35, Sony F65, Red Epic, Arri Alexa Studio und später die Arri Alexa 35. Die Inventarkommission umfasste über 175 Filmkameras und Zubehör – ein Arsenal für praktisch jede filmische Anforderung.​

2020, nach 38 Jahren im Herzen von Hollywood, zog die Firma in eine neue 38.000 Quadratmeter große Anlage in Culver City um. Diese neue Basis war nicht einfach nur größer – sie war ein Statement. Das Unternehmen konnte sich auf 41 vollzeitbeschäftigte Mitarbeiter stützen, betrieb 21 Prep-Bays und 2 große Feature-Prep-Räume. Ein fireproof Vault, ein hochmodernes Maschinenwerk, ein spezialisierter Lens Test Room mit professionellen Projektoren.​

Die Philosophie dahinter

Was machte Otto Nemenz International so einflussreich? Es war nicht die Größe des Inventars – obwohl das wichtig war. Es war die Kundenorientierung und die Kultur der kontinuierlichen Verbesserung.

Nemenz war ein Schüler der Präzision. Er verstand, dass jede Lens, jedes Kamera-Interface, jeder Knopf und jeder Schalter Einfluss auf die Arbeit des Cinematographer hatte. Deshalb investierte er nicht nur in moderne Ausrüstung, sondern auch in deren Wartung, Modifikation und Optimierung.

Zudem war Nemenz investiert in die Zukunft der Branche. Seine Firma bot regelmäßig Praktika an – zwei bis sechs Wochen lang, bei denen angehende Kameratechniker und Cinematographer direkt von erfahrenen Profis lernen konnten. Das war kein PR-Stunt; es war eine Überzeugung, dass die nächste Generation von Filmemachern aus Kalifornien kommen sollte.​